Die Dänische Friedensakademie

Lebensgeschichte in der Weimarer Republik

Von Kurt Singer.

Vorwort : Vor sonnen untergang

Dies ist meine Lebensgeschichte als Schueler, Student, Teenager und junger Mann in den kurzgelebten Jahren der Weimarer Republik vom November 1918 bis zum 30. Januar 1933 als Hitler zur Macht kam. Totale Finsternis begann im deutschen Reich.

Mein erster Schultag in der Vorstufklasse des Kaiser Friedrich Real Gymnasiums in Berlin war voll von Überraschungen. Wir begannen nicht mit einem Unterricht in Rechnen oder Lesen. Statt dessen erhielten wir eine nahrhafte Quaker Speisung zum Fruehstück mit Brei und Milch auch Frucht und ein Stückchen Schokolade. Der Lehrer erklärte uns daß die amerikanischen Quaker gute Menschen sind die den Kindern Deutschlands nach dem Krieg und der Revolution helfen wollten.

Eine Million Kinder erhielten diese Quaker Kinderspeisungen.

Diese Quakerspeisung habe ich niemals in meinem Leben vergessen. Diese tägliche Nahrungshilfe hat vielen Kindern das Leben verlängert.

Noch immer hatten wir keinen Unterricht in Lesen und Schreiben. Der brave Lehrer sagte uns daß wir Schulgeld bezahlen muessen. Wir waren eine staatliche Schule aber die Zeiten waren schwierig und die Eltern müssen 10-15 Mark im Monat bezahlen. Schueler die kein Schulgelt bezahlen konnten duerfen weiter lernen und der Staat wird für sie bezahlen. Wir wussten dann wer die armen Kinder waren und teilten oft unsere belegten Brote und Stullen und hartgekochten Eier mit diesen Klassen Kameraden.

Damals gab es noch keine Schul Esshallen und wir assen immer im Schulhof während der 15 Minuten Pausen zwischen den Unterrichtsstunden. Ein oder zwei mal im Monat war immer eine grosse Aufregung in der Schule.

Jemand hate die schwarz rot goldene Fahne vom Schulhof gestohlen und die schwarz weiss rote kaiserliche Fahne wehte stolz im Winde. Die Untäter bekamen nur milde Strafen und ich hörte Lehrer die dem Mistäter sagten "Ich weiss was Du im Herzen fühlst."

Aber die Erwachsenen taten daßelbe. Grosse Lastwagen nahmen die schwarz rot goldene Fahne und schleiften die durch Dreck, Schmutz und Jauche durch die Strassen. Die musten 10 Mark Strafe bezahlen und das war der Spass wert.

Die Strafe die ich einmal erhielt war nicht milde. Ich sagte mal daß Herr Westfal hat was dummes gesagt und er war dumm. Ein Schueler verpetzte mich und der Herr Westfal, ein preussischer Lehrer der stricktes Gehorchen erforderte gab mir 10 saftige Rohrstock Schläge auf meinen nakten Hintern. Ich sagte nichts. Keinen Ton trotz meiner Schmerzen Als es vorüber war zog ich meine Hosen an, sagte Danke und verliess das Schulzimmer. Meine Eltern bekamen einen Mahnbrief.

Wir hatten keine Mädchen in der Schule die hatten ihren eigenen Schulen. Aber wir hatten russische Kinder die nur wenig deutsch sprachen. Die Eltern oft Aristokraten waren russische Flüchtlinge von der bolschewistischen Revolution. Die Weimar Republik gab Asyl Rechte an diese Familien. Kinder finden schnell die Schwächen von Erwachsenen. Ich wusste sehr bald daß mein Aufsatz der unsere neue Republik lobte würde mir eine 4 bringen. Aber ein Aufsatz der behauptete daß Frankreich Elsass Lothringen und das kohlreiche Saargebiet erhalten hatte und alle deutsche Kolonien verloren wurden, das gab mir sehr schnell eine 1.

Unser Geschichtslehrer war bald ein Mitglied der Nazi Partei. Wir hatten keinen Antisemitismus in unserer Klasse oder Auslaender Feindlichkeit. Wir alle waren mehr am Sport interressiert. Unser Turnlehrer nahm uns zweimail in der Wochen an einen Sportplatz wo wir Fussball spielten, marschierten und Wettrennen liefen.

Ich war Zeuge im Berliner Stadium als die erste französische Fussball Mannschaft gegen Deutschland spielte. Die Zuschauer gaben den Franzosen einen riesigen Beifall und hofften daß der Sport die beiden Erzfeinde zur Verständigung bringen würden.

Hatte der Krieg und die Friedensbedingungen Deutschland ökonomisch beinahe vernichtet die Inflation war unbeschreiblich chaotisch. Eine Million Mark konnten nich ein Laib Broat kaufen oder eine Briefmarke oder meine Jugendzeitschrift Der Heitere Fridolin.

Arbeitslosigkeit wuchs. Viele Offiziere hatten keine Arbeit gefunden denn die waren Krieger und hatten keinen anderen Beruf gelernt. Eine Reihe von Offizieren bildeten eine Fehme Gruppe. Die gehen Jahrhunderte zurück wo verfehmte Feinde ermordet wurden. Eines der Opfer wurde Walter Rathenau, der jüdische Finanzminister.

Wir hatten Kinder in der Schule deren Vaeter im Gefängnis sassen und waren angeklagt als Mitglieder von politischen, nationalistischen Mörder Gruppen. In 1923 starte Adolf Hitler seinen Putsch in München und wurde blutig niedergeschlagen. Hitler wurde zur Ehrenhaft in die Landsberg Festung gebracht. Ehrenhaft war ein alter preussischer Begriff für bestrafte Offiziere. Hitler schrieb seine Memoiren in der Festung. Mein Kampf war voll von Hass gegen Frankreich und den Versailler Friedensvertrag, die Juden und gab einen Heiligenschein an die arische Rasse der Germanen.

Teil 1 : Vor Sonnenuntergang

Wir Schueler und Stutenten waren mehr am Sport, den Wandervögeln und den Pfadfinder interessiert als an die Hitler Jugend und Jung Kommunisten.

Unsere Schulen gaben uns auch eine religioese Erziehung. Jeden Freitag kamen 3 schwarz gekleidete Männer in unsere Klassen. Ein katholischer Priester, ein evangelischer Pfarrer und ein jüdischer Rabbiner. Wir wurden in 3 Gruppen geteilt und lernten Bibel Geschichten und auch religiöse Sitten und Gesetze. Wir hatten auch Spass auserhalb der Schule.

Von Zeit zu Zeit erhielten wir alle sehr billige Theaterkarten die verlost wurden. Wir konnten die staatlichen Schauspiel Haeuser besuchen und die Dramen von Goethe und Schiller sehen wie z.B. Don Carlos aber auch Shakespeare, Lessing und Gerhart Hauptmanns Die Weber.

Als Nazis und Kommunisten sich in den Strassen anpöbelten und schlugen und schossen versuchte Deutschland wieder ein Kulturzentrum zu werden. Berlin hatte 2 Opern, Hamburg, Dresden, München hatten ihre eigenen Opernhaeuser. Grosse Bilder Gallerien zeigten die alten Meister und die modernen Künstler.

Museen wurden weltberühmt durch alte griechische, roemische und egyptischen Kollektionen. Im Nollendorf Theater spielte man Ernst Tollers Drama: Hoppla Wir Leben, insceniert bei Erwin Piscator.

Nazi Sturmtruppen in braunen Hemden und dem Hakenkreuz Armband versuchten ins Theater einzudringen und die Auffuehrungen zu stören. Polizei kam jeden Tag zur Hilfe Ein grosses Kino das Erich Maria Remarques IM WESTEN NICHTS NEUES zeigte wurde beinahe demoliert von den bestiefelten SA Sturmtruppen. Wieder kam die Polizei zur Hilfe und Kommunisten waren bereit für eine Strassenschlacht mit den Nazis. Remarque war ein Pazifist, ein Hitler Gegner und in Lebensgefahr.

Bertold Brechts 3 Groschen Oper mit der Musik von Kurt Weil wurde nicht gestört. Symphonische Konzerte wurden überall in Deutschland gehört. Die Bayreuther Festpiele produzierten mit grosser Gala alle Richard Wagner Opern. In Oberammergau wurde das Leben und die Kreuzigung von Jesus Christus, die Passions Spiele gezeigt. Besucher kamen von der ganzen Welt.

Aber in der Schule zeigten mir einige Klasskameraden mit grossen Stolz ihren neu gekauften Revolver.

In den Hochschulen und Universitäten gab es noch immer Burschenschaften die sich duellierten.

Ein Schmiss auf der Wange oder Stirne war ein Zeichen von Mut und Stolz wie in den siegreichen Zeiten von Bismarck (der auch einen Krieg gegen Dänemark geführt hatte). Als wir aufwuchsen waren wir nicht länger naive.

Wir wussten daß 6-7 Millionen arbeitslos waren und diese Sturmtrupper und Kommunisten waren ein Abklatsch der Arbeitslosigkeit. Die Nazis gaben den Braunhemden eine Uniform, einen Platz in den Baracken zu schlafen und drei gute Mahlzeiten und auch einen Revolver. Die Sozialdemokraten hatten hunderttausenden Anhänger die gehorsam protestierten gegen die Nazis und Kommunisten. Aber konnten nichts ändern.

Die Armut wuchs. Als ich einen Klassenkameraden besuchte wurde ich zum Essen eingeladen und es gab Pferdefleisch. Das schmecke gut aber etwas suess.

Das war der Zeitpunkt als die grosse Industrie von Stahl, Eisen, Chemie und die Ruestungs Industrie began Adolf Hitler zu finanzieren. Auch Generaele wie Ludendorff, Hindenburg, Seekt und Schleicher machten Hitler Salon fähig. Hitler gewann seine Macht und eine tiefe Finsternis ürberfiel die Weimarer Republik. Es wurde dunkler und finsterer. Eine Finsternis die zum 2. Weltkriegt führte.

Viele meiner Klassenkameraden mit denen ich die Quaker Speisungen verschlungen hatte waren jetzt Soldaten Flieger und Offiziere im Kampf gegen das Land daß den Quakern alle Freiheiten und Menschenrechte garantierte.

Meine Frau Hilde und ich publizierten ein Untergrund Blatt die Mitteilungsblätter bis Febuar 1934. Jede Woche änderten wir den Name von Blauen Blätter zu Grünen, Schwarze und soweiter. Eine Mitarbeiterinn wurde arrestiert, gefoltert, eine Niere abgeschlagen und nach 3 Tagen verriet sie unsere Adresse die Oliva Buchhandlung in Berlin Charlottenburg. Ich entkam als Hochverräter via Prag, Wien und Danzig nach Stockolm aber Hilde wurde arrestiert. Ich publizierte in 1936 die erste Biographie von Carl von Ossietzky. Die dänische Ausgabe ist jetzt durch die Dänische Friedensakademie).

Litteratur

Jaeger, Roland: Eine Begegnung mit Kurt Singer : Als Schriftsteller unter Spionen. In: Aufbau, 1999.
http://www.aufbauonline.com/aufbau/ausgaben/1999/issue20/pages20/16.html
Lehnert, Herbert: Kurt Singer.
In John M. Spalek, Konrad Feilchenfeldt, Sandra Hawrylchak, eds.
Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933. - Bern : Saur, 2001, pp. 489-501.
Reinert, Jochen: Göteborger Geschicten. - http://www.sopos.org/sufsaetze/3e81c371f49/1.phtml

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